Wohngebäude

Den Energieausweis lesen: So verstehen Sie Ihren Energiepass

Stephan Grosser - Immobilienexperte in Bremen
Stephan Grosser Immobilienexperte für Energieausweise seit 2018

Der Energieausweis zeigt die Energieeffizienz Ihres Gebäudes in kWh/m²a (Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr) und ordnet diese in die Effizienzklasse A+ (sehr gut) bis H (sehr schlecht) ein. Mit diesen beiden Kenngrößen können Sie auf einen Blick erkennen, wie energieeffizient eine Immobilie ist und welche Heizkosten Sie erwarten können.

Ob Sie als Käufer, Mieter oder Eigentümer einen Energieausweis in den Händen halten – die vielen Zahlen, Fachbegriffe und Tabellen können auf den ersten Blick verwirrend wirken. Als Experte für Energieausweise werde ich seit 2018 regelmäßig von Kunden gefragt, was die einzelnen Werte bedeuten. Doch mit der richtigen Anleitung lässt sich jeder Energiepass schnell und zuverlässig interpretieren. In diesem Artikel erkläre ich Ihnen Schritt für Schritt, wie Sie einen Energieausweis für Wohngebäude richtig lesen und verstehen – mit konkreten Beispielen aus Bremen und Umgebung.

Die 5 wichtigsten Angaben im Energieausweis auf einen Blick

Um einen Energieausweis effizient zu lesen, sollten Sie zunächst die fünf zentralen Angaben identifizieren. Diese finden sich bei jedem Ausweis – unabhängig vom Typ:

PositionAngabeWo zu finden?Bedeutung
1EnergiekennzahlProminent, oft obenVerbrauch/Bedarf in kWh/m²a
2EffizienzklasseFarbige Skala A+ bis HEinordnung der Effizienz
3AusstellerinformationenFußbereichWer hat den Ausweis erstellt?
4AusweistypÜberschrift/KopfBedarfs- oder Verbrauchsausweis
5EmpfehlungenSeparater AbschnittSanierungsvorschläge

Diese fünf Elemente bilden das Gerüst für das Verständnis Ihres Energieausweises. Im Folgenden gehe ich auf jeden Punkt detailliert ein.

So lesen Sie die Energiekennzahl richtig

Die Energiekennzahl ist die wichtigste Zahl im gesamten Energieausweis. Sie steht meist prominent platziert und gibt Auskunft über den jährlichen Energieverbrauch oder -bedarf des Gebäudes.

Was bedeutet kWh/m²a?

Die Einheit kWh/m²a steht für Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr und setzt sich zusammen aus:

  • kWh (Kilowattstunden): Die Energiemenge, die Ihr Gebäude verbraucht
  • m² (Quadratmeter): Die beheizte Wohnfläche des Gebäudes (mehr dazu: Was zählt zur Wohnfläche beim Energieausweis?)
  • a (anno): Lateinisch für Jahr – der Bezugszeitraum

Ein konkretes Beispiel: Ihr Energieausweis zeigt eine Energiekennzahl von 150 kWh/m²a. Bei einer Wohnfläche von 100 m² bedeutet das:

150 kWh/m²a × 100 m² = 15.000 kWh Energieverbrauch pro Jahr

Bei einem aktuellen Gaspreis von etwa 12 Cent pro kWh entspricht das jährlichen Heizkosten von rund 1.800 EUR. Diese Berechnung hilft Ihnen, die abstrakte Kennzahl in konkrete Kosten umzurechnen.

Orientierungswerte: Woran erkenne ich gute und schlechte Werte?

Die Bewertung einer Energiekennzahl hängt stark vom Alter und Typ des Gebäudes ab. Nutzen Sie folgende Orientierungswerte:

EnergiekennzahlEffizienzklasseBewertung
unter 30 kWh/m²aA+Hocheffizienz (Passivhaus-Niveau)
30-50 kWh/m²aASehr gut (KfW-Effizienzhaus)
50-75 kWh/m²aBGut (Neubau-Standard)
75-100 kWh/m²aCGut (GEG-konformer Neubau)
100-130 kWh/m²aDBefriedigend (sanierter Altbau)
130-160 kWh/m²aEAusreichend
160-200 kWh/m²aFMangelhaft
200-250 kWh/m²aGSchlecht
über 250 kWh/m²aHSehr schlecht (WPB)

Wichtig: Ein Altbau aus den 1960er Jahren mit 180 kWh/m²a kann energetisch akzeptabel sein, während derselbe Wert für einen Neubau völlig unzureichend wäre. Vergleichen Sie deshalb immer mit Gebäuden des gleichen Baujahrs.

Typische Werte in Bremen

In Bremen und dem norddeutschen Raum finden sich je nach Stadtteil unterschiedliche typische Werte:

  • Bremer Altstadt/Neustadt (Gründerzeit): 220-350 kWh/m²a
  • Findorff/Walle (1950er-60er): 180-280 kWh/m²a
  • Horn-Lehe/Oberneuland (Neubau): 50-90 kWh/m²a
  • Plattenbauten aus den 70ern/80ern: 150-220 kWh/m²a

Besonders in den beliebten Bremer Stadtteilen mit historischem Baubestand liegen die Werte oft bei 200 kWh/m²a und mehr. In meiner täglichen Arbeit sehe ich diese Werte häufig bei Gründerzeithäusern in Findorff oder der Neustadt. Hier ist Sanierungspotenzial vorhanden – was sich positiv auf den Energieausweis und die Nebenkosten auswirken kann.

So lesen Sie die Effizienzklasse richtig

Die Effizienzklasse macht den Energieausweis auf den ersten Blick verständlich. Sie orientiert sich am Farbspektrum einer Energiesparlampe: Dunkelgrün für sehr effizient, Rot für sehr ineffizient.

Die Farbskala von A+ bis H erklärt

KlasseFarbeBedeutungWas das für Sie bedeutet
A+DunkelgrünHocheffizienzExtrem niedrige Heizkosten, modernste Technik
AGrünSehr effizientNiedrige Heizkosten, gute Dämmung
BHellgrünEffizientGute Energiebilanz, solide Bausubstanz
CGelbgrünGutÜber dem Durchschnitt, noch Verbesserungspotenzial
DGelbBefriedigendDurchschnitt, erste Sanierungen empfohlen
EOrangeAusreichendUnterer Durchschnitt, Sanierung sinnvoll
FHellrotMangelhaftHohe Heizkosten, Sanierung empfohlen
GRotSchlechtSehr hohe Heizkosten, dringender Handlungsbedarf
HDunkelrotSehr schlecht (WPB)Höchster Handlungsbedarf, „Worst Performing Building”

Was bedeutet meine Klasse konkret?

Klasse A+ bis C: Ihr Gebäude gehört zu den energetisch besseren Immobilien. Bei Neubauten ist dies der Standard nach dem Gebäudeenergiegesetz (GEG). Bei Altbauten zeigt diese Klasse eine bereits erfolgte Sanierung.

Klasse D bis E: Dies ist der Durchschnittsbereich. Viele Gebäude aus den 1990er und 2000er Jahren befinden sich hier. Sanierungen sind sinnvoll, aber nicht dringend erforderlich.

Klasse F bis H: Hier besteht erheblicher Handlungsbedarf. Die Heizkosten sind deutlich über dem Durchschnitt. Gebäude der Klasse H gelten nach dem GEG als „Worst Performing Building” (WPB) und unterliegen besonderen Anforderungen. Mehr dazu in meinem Artikel Was ist ein guter Wert beim Energieausweis?.

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Die Ausstellerinformationen prüfen

Ein oft übersehener, aber wichtiger Bestandteil beim Lesen des Energieausweises ist die Prüfung der Ausstellerinformationen. Hier erkennen Sie die Seriosität und Gültigkeit des Dokuments.

Was muss im Energieausweis stehen?

Nach dem GEG müssen folgende Angaben enthalten sein:

  • Name und Anschrift des Ausstellers
  • Registriernummer des Ausstellers (wichtig für die amtliche Datenbank)
  • Datum der Ausstellung
  • Gültigkeitszeitraum (10 Jahre ab Ausstellungsdatum, § 80 Abs. 1 GEG)
  • Gebäudeadresse und -daten

Wie erkenne ich einen seriösen Aussteller?

Achten Sie auf folgende Merkmale:

Registriernummer vorhanden: Die Registriernummer wird vom DIBt vergeben und in der Energieausweisdatenbank eingetragen.

Qualifikation erkennbar: Der Aussteller sollte als Experte für Energieausweise oder Architekt mit entsprechender Qualifikation gelistet sein.

Kontaktdaten vollständig: Telefonnummer und E-Mail-Adresse sollten angegeben sein.

⚠️ Warnsignale: Fehlende Registriernummer, anonyme Online-Ausweise ohne persönlichen Kontakt oder unrealistisch günstige Preise können auf mangelnde Qualität hinweisen.

Die Empfehlungen im Energieausweis verstehen

Ein wichtiger Teil beim Lesen des Energieausweises ist der Abschnitt mit den Energieeffizienz-Empfehlungen. Hier werden Sanierungsmaßnahmen vorgeschlagen, die das Gebäude energetisch verbessern können.

Was steht im Empfehlungsabschnitt?

Die Empfehlungen sind standardisiert und unterteilen sich typischerweise in:

  1. Kurzfristig umsetzbare Maßnahmen (1-2 Jahre)

    • Heizungsoptimierung
    • Dichtung von Fenstern und Türen
    • Anpassung der Heizkurve
  2. Mittelfristige Sanierungen (3-5 Jahre)

    • Dämmung der obersten Geschossdecke
    • Austausch von Fenstern
    • Erneuerung der Heizungsanlage
  3. Langfristige Investitionen (5-10 Jahre)

    • Fassadendämmung
    • Kellerdeckendämmung
    • Installation einer Lüftungsanlage

Sind die Empfehlungen verpflichtend?

Nein, die Empfehlungen sind nicht verpflichtend. Sie stellen eine Orientierung dar und zeigen das Optimierungspotenzial auf. Als Eigentümer entscheiden Sie selbst, welche Maßnahmen Sie umsetzen möchten.

Besonders bei Energieausweisen der Klassen F, G oder H sollten Sie die Empfehlungen jedoch ernst nehmen – hier können Sanierungen sowohl die Wohnqualität verbessern als auch langfristig Kosten sparen.

Unterschied: Bedarfsausweis und Verbrauchsausweis lesen

Beim Lesen Ihres Energieausweises ist es entscheidend zu wissen, welchen Ausweistyp Sie vor sich haben. Die Interpretation unterscheidet sich erheblich.

Den Bedarfsausweis richtig lesen

Der Bedarfsausweis zeigt den theoretischen Energiebedarf Ihres Gebäudes. Er wird berechnet auf Basis von:

  • Bauteildicken und Dämmwerten (U-Werte)
  • Fensterqualität und -flächen
  • Heizungsanlage und Brennstoff
  • Geometrie und Ausrichtung des Gebäudes

Merkmale beim Lesen:

  • Überschrift enthält „Energiebedarfsausweis”
  • Verweis auf Berechnung nach GEG/EnEV
  • Detaillierte Angaben zu Bauteilen
  • Gültigkeit: 10 Jahre

Vorteil: Der Bedarfsausweis zeigt das tatsächliche Potenzial des Gebäudes – unabhängig vom Nutzerverhalten. Er ist ideal für Kaufentscheidungen. Übrigens: Beim Neubau ist der Bedarfsausweis Pflicht.

Den Verbrauchsausweis richtig lesen

Der Verbrauchsausweis zeigt den tatsächlichen Energieverbrauch der letzten drei Jahre. Er basiert auf:

  • Abgerechneten Energieverbräuchen
  • Nebenkostenabrechnungen
  • Zählerständen

Merkmale beim Lesen:

  • Überschrift enthält „Energieverbrauchsausweis”
  • Verweis auf tatsächliche Verbrauchsdaten
  • Angabe des Bezugszeitraums
  • Gültigkeit: 10 Jahre (wie alle Energieausweise nach § 80 GEG)

Achtung beim Lesen: Der Verbrauchsausweis spiegelt das Nutzerverhalten wider, nicht unbedingt die Gebäudequalität. Ein sparsamer Mieter kann ein schlechtes Gebäude besser aussehen lassen – ein energieverschwenderischer Mieter kann ein gutes Gebäude schlechter erscheinen lassen.

VergleichBedarfsausweisVerbrauchsausweis
BasisBerechnung nach GEGTatsächliche Verbräuche
ZeigtGebäudequalitätNutzung + Gebäude
Gültigkeit10 Jahre10 Jahre
GenauigkeitTheoretisch, aber objektivReal, aber subjektiv
Geeignet fürKauf/Verkauf, SanierungsplanungMieterwechsel, kurzfristige Entscheidungen

Fallbeispiele: Energieausweise aus Bremen

Beispiel 1: Reihenhaus in Horn-Lehe (Verbrauchsausweis)

  • Baujahr: 1965
  • Energiekennzahl: 185 kWh/m²a
  • Effizienzklasse: F
  • Interpretation: Das Gebäude verbraucht deutlich über dem Durchschnitt. Bei 120 m² Wohnfläche entstehen Heizkosten von etwa 2.660 EUR/Jahr.
  • Empfohlene Maßnahmen: Dämmung oberste Geschossdecke, neue Fenster, moderne Heizung

Beispiel 2: Altbauwohnung in der Neustadt (Bedarfsausweis)

  • Baujahr: 1902
  • Energiekennzahl: 245 kWh/m²a
  • Effizienzklasse: H (WPB)
  • Interpretation: Als „Worst Performing Building” eingestuft. Hoher Sanierungsbedarf, aber typisch für ungedämmte Gründerzeitbauten.
  • Empfohlene Maßnahmen: Komplettsanierung mit Förderung, Fassadendämmung, neues Heizsystem

Beispiel 3: Neubau in Überseestadt (Bedarfsausweis)

  • Baujahr: 2023
  • Energiekennzahl: 48 kWh/m²a
  • Effizienzklasse: A
  • Interpretation: Hocheffizientes Gebäude nach aktuellem GEG-Standard. Jahresheizkosten von etwa 580 EUR bei 100 m².
  • Empfohlene Maßnahmen: Keine Sanierung erforderlich, regelmäßige Wartung

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was bedeutet es, wenn mein Energieausweis Klasse H zeigt?

Die Klasse H kennzeichnet Ihr Gebäude als „Worst Performing Building” (WPB) mit einer Energiekennzahl über 250 kWh/m²a. Das bedeutet:

  • Sehr hohe Heizkosten
  • Höchster Handlungsbedarf
  • Bei Vermietung/Verkauf: Pflicht zur Angabe
  • Möglicherweise Zugang zu besonderen Förderprogrammen für Sanierung

Ein Klasse-H-Ausweis ist kein Beinbruch, sondern ein Hinweis auf dringenden Sanierungsbedarf – mit entsprechendem Potenzial für Verbesserung.

Ist mein Energieausweis gut oder schlecht?

Die Bewertung hängt vom Kontext ab:

SituationBewertung
Neubau mit Klasse DSchlecht (unter GEG-Standard)
Neubau mit Klasse BGut (erfüllt GEG)
Altbau (1960) mit Klasse DSehr gut (nach Sanierung)
Altbau (1960) mit Klasse HDurchschnitt (Sanierung empfohlen)

Vergleichen Sie Ihr Gebäude immer mit gleichaltrigen Immobilien in der Region.

Was bedeuten die Empfehlungen im Energieausweis?

Die Empfehlungen sind Handlungsvorschläge, keine Pflichten. Sie zeigen auf, welche Sanierungen energetisch sinnvoll wären. Die Umsetzung liegt in Ihrem Ermessen und hängt von Ihren finanziellen Möglichkeiten und Förderoptionen ab.

Kann ich den Energieausweis selbst beeinflussen?

Beim Verbrauchsausweis: Ja, durch sparsames Heizverhalten und energiebewussten Umgang mit Warmwasser können Sie den angezeigten Wert verbessern.

Beim Bedarfsausweis: Nein, der berechnete Bedarf basiert auf der Gebäudestruktur. Erst durch bauliche Maßnahmen (Dämmung, neue Heizung etc.) lässt sich der Wert nach einer Neuberechnung verbessern.

Was tun bei unvollständigen oder fehlenden Angaben?

Wenn Ihr Energieausweis unvollständige Angaben enthält oder Sie Zweifel an der Richtigkeit haben:

  1. Kontaktieren Sie den Aussteller – seriöse Anbieter korrigieren Fehler kostenlos
  2. Prüfen Sie die Registriernummer in der Energieausweisdatenbank der DIBt
  3. Lassen Sie sich beraten – ein Energieberater kann Unstimmigkeiten aufklären
  4. Bei schwerwiegenden Fehlern: Neuerstellung des Ausweises in Betracht ziehen

Unvollständige Angaben können die Gültigkeit des Energieausweises beeinträchtigen und im Immobilienhandel zu Problemen führen.

Fazit: Mit System den Energieausweis lesen

Das Lesen und Verstehen eines Energieausweises ist keine Hexerei – mit der richtigen Herangehensweise können Sie die wichtigsten Informationen schnell erfassen:

  1. Identifizieren Sie den Ausweistyp (Bedarfs- oder Verbrauchsausweis)
  2. Lesen Sie die Energiekennzahl und setzen Sie sie in Relation zum Baujahr
  3. Prüfen Sie die Effizienzklasse auf der farbigen Skala
  4. Überprüfen Sie die Ausstellerinformationen auf Vollständigkeit
  5. Werten Sie die Empfehlungen als Orientierung für mögliche Sanierungen

Der Energieausweis ist ein wichtiges Instrument – sowohl für Transparenz im Immobilienmarkt als auch für die eigene Sanierungsplanung. Mit dem Wissen aus diesem Artikel können Sie jeden Energiepass sicher interpretieren und fundierte Entscheidungen treffen.

Haben Sie Fragen beim Lesen Ihres Energieausweises? Ich helfe Ihnen gerne persönlich weiter.

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